Warum Jesus so leidend ist
Die drei Tage in Cochabamba waren nicht wirklich spannend. Ich hatte einen sehr netten Abend im Amnesia und war an der groessten Christusstatue der Welt. Groesser noch als die in Rio, sieht aber aehnlich aus. Sie steht auf einem Huegel ueber der Stadt in Cochabamba. Fotos gibt es spaeter noch. 

Fuer die Fahrt nach Sucre hatte ich mir extra fruehzeitig ein Ticket im Buscama (den etwas besseren Bussen, obwohl Buscama hier nicht ist wie in Peru) in der ersten Reihe reserviert (dort kann niemand den Sitz vor mir zurueck machen). Als ich dann im Terminal ankam, habe ich erfahren, dass der Bus ausfaellt und ich habe dafuer einen superengen Sitz in einem Ranzbus bekommen und dann noch fast ganz hinten, wos am meisten rumpelt. Dafuer habe ich auch fast die ganze Nacht nicht gepennt. Zum Glueck hat Kathleen mir meinen mp3-Player mitgebracht, so dass ich wenigstens Musik hoeren konnte.

Sucre ist dafuer eine echt schoene Stadt, die schoenste, in der ich bisher war. Alles noch alte Haeuser aus der Kolonialzeit, weiss gestrichen mit roten Daechern. Es gibt sogar ein deutsches restaurant, in dem man den SPIEGEL lesen kann, also ein Traum.
Seit Donnerstag mache ich hier einen Sprachkurs in einer Sprachschule. Ich habe eine gute Lehrerin, die nicht so extrem religioes ist, wie die meisten hier. So kann man im Konversationsteil auch mal normal mit ihr reden. Ich weiss noch, wie mich in Mexico meine Lehrerin gefragt hat, was mein Lieblingsfilm ist. Als ich "Y tu mama tambien" (ein mexikanischer Film) gesagt habe, ist sie so rot geworden, als wenn ich "Monstertitten in Sahnesoße" gesagt haette. Dabei gibt es in "Y tu mama tambien" eine Sexszene von 10 Sekunden, aber ihr war er zu pornographisch. Und sie war auch schon Mitte 20.
Meine Lehrerin, jetzt 31, hat trotzdem erst mit 26 Jahren zum ersten Mal ein Kondom gesehen.
Hier sind alle genauso extrem religioes wie in Mexico. Man sieht kein Auto, das nicht wenigsten ein Kruetz, manchmal auch noch ein Bild von einer der zahlreichen "Virgens", also Jungfrauen, hat. Und wenn sie an einert Kirche vorbeifahren, machen sie alle ein Kreuzzeichen.
In den Kirchen sieht man hier immer einen extrem leidend aussehenden, blutuerberstroemten Jesus in einem Glaskasten liegen und ich habe mich schon immer gefragt, warum das so ist. Letztens hatte Chris in La Paz nach ein paar Bier eine These: Wenn wir einen Jesus am Kreuz sehen, denken wir "au man, der hat aber echt fuer uns gelitten, wenn er am Kreuz gestorben ist". Die meisten Menschen hier haben aber selber ein so hartes und teilweise beschissenes Leben (umso aermer, umso glaeubiger), dass sie bei einem normalen Jesus am Kreuz denken "na und, hat da ein paar Stunden am Kreuz gehangen und nach drei Tagen ist er sowieso wieder auferstanden. Ich leide Jahre lang". Wenn sie aber einen so leidenden und blutueberstroemten Jesus sehen, koennen sie das Leiden eher nachvollziehen.

Samstag habe ich fiese Magenprobleme bekommen und die Nacht dann kopfueber uerb dem Klo verbracht. Das sind dann so Momente wo man sich doch wuenscht zu Hause zu sein, in sein eigenes Klo kotzen zu koenen und Mama bringt einem einen Tee ans Bett. So habe ich mich am Sonntag aus meinem Bett gequaelt um irgendwo einen schoenen Mate de Coca zu trinken. Ich liebe die Cocablaetter, sie helfen bei allem. Sie haben mir auch bei meinen Wanderungen und Bergbesteigungen geholfen. Ich wuerde gerne welche mit nach Deutschland nehmen, aber das ist bestimmt verboten. Die USA wollen den Anbau von Cocablaetter verbieten, um ihr Drogenproblem zu loesen, obwohl die Menschen hier schon seit Jahrhunderten taeglich Cocablaetter benutzen, ohne Probleme zu haben. Probleme bringt erst das, was die "westliche Welt" daraus macht, naemlich das Cocain.
Jedenfalls stand ich an einer Strassenecke, um zu ueberlegen, wo ich hingehe, weil die meistenm Cafes zu waren. Wenn man sich so scheisse fuehlt, nervt auch wieder das staendige Hupen der Autos, was ich sonst schon fast ueberhoere. 
Dann kam auch noch so ein kleines Bettelkidi an und wollte Geld. Zuerst habe ich ihm hoeflich auf Spanisch gesagt, dass ich nichts fuer ihn habe. Als er weiter an mir rumgezupft hat, habe ich ihm halbwegs nett auf Spanisch gesagt, dass er weggehen soll. Als auch das nichts gebracht hat, habe ich ihm einfach auf Deutsch gesagt, dass er "bitte gehen moege" und es erstaunlich schnell gewirkt. Er hat mich wohl auf einer nonverbalen Ebene verstanden. Ich hoffe nur, dass keine deutschsprachigen Turis in der Naehe waren und meine Worte gehoert haben, die hatten mich bestimmt fuer den totalen Asi gehalten.
Dafuer hatte ich am Freitag noch meinen sozialen Tag und habe drei Schuputzerkidis zum Essen eingeladen. Hat mich immerhin 2,70 Euro gekostet. Etwas enttaeuscht waren sie, dass es nur Wasser statt Cola zu trinken gab.

Zur Zeit ist hier ein Kulturfestival. Am Donnerstag war ich auf einem Rockkonzert mit bolivianischen Gruppen. Auch wenn es erst um 23 statt wie angekuendigt um 21 Uhr anfing und es keinen Alkohol gab, war die Musik erstaunlich gut. Ich hoffe, ich kann hier noch mal eine CD der Bands auftreiben.

Hier gibt es eine "deutsche Schule" und die Schueler laufen in der Stadt mit schwarz-rot-goldenen Trainingsjacken mit dem Bundesadler auf der Brust rum. Das ist schon etwas komisch, weil man das bei uns nur von Sportlern einer Nationalmannschaft kennt. 
Was auch komisch ist, ist dass ich beim Fruehstueck in meinem Hotel mit "morschen" begruesst werde. Ich dachte schon Richard kaem rein :-) Aber die Familie, bei der ich wohne, hat 18 Jahre in HH-Eppendorf gewohnt und der Sohn spricht fliessend Deutsch mit ordentlichem hamburger Dialekt.

Saludos,

                     Sebastian

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